LAUTERTAL / FELSBERG. Bereits zum 32. Mal seit Wiederaufnahme der Tradition im Jahr 1992 kamen Mitglieder und Freunde des Hessischen Stenografen-Verbandes (Bezirk Südhessen) am Felsberg zusammen. Vor der historischen Kulisse zwischen dem ehemaligen Felsberghotel und der Gabelsberger-Eiche erinnerten die Anwesenden an die Wurzeln der modernen Kurzschrift sowie an ihren unverzichtbaren Wert für Bildung, Rechtsstaatlichkeit und Sprachkultur.
Historischer Ort von 1892 und herzliche Willkommensgrüße
An diesem geschichtsträchtigen Ort hatten am 3. Juli 1892 rund 600 Mitglieder der Stenografen-Gesellschaft die dortige Eiche zu Ehren von Franz Xaver Gabelsberger (1789–1849) geweiht. Der Bezirksvorsitzende Michael Raub begrüßte die versammelten Schriftfreunde und sprach dem Hausherrn der heutigen Felsberg-Akademie, Dr. Holger Zinke, seinen besonderen Dank aus. Dr. Zinke sorgt dafür, dass die Gabelsberger-Eiche samt Gedenkstein hervorragend in die Außenanlagen der Akademie eingebunden bleibt.
Zudem übermittelte Raub die besten Grüße von Dr. Jascha Alexander Koch, Vizepräsident des Deutschen Stenografenbundes, sowie von Claudia Steinkühler, der Vorsitzenden des Hessischen Stenografen-Verbandes. Beide betonten die anhaltende Bedeutung der Stenografie als Kulturgut und Werkzeug für gesellschaftliches Engagement.
200 Jahre Wirken Gabelsbergers & die Geschichte der Deutschen Einheitskurzschrift
In seinem Fachreferat hob Michael Raub hervor, dass Franz Xaver Gabelsberger vor genau 200 Jahren – im Jahr 1826 – seine Tätigkeit als Sekretär im Statistischen Büro des bayerischen Innenministeriums aufnahm. Bereits 1818 hatte Gabelsberger sein bahnbrechendes Kurzschriftsystem vorgestellt, die als „Redezeichenkunst“ konzipierte Gabelsberger-Kurzschrift. Sie bildete das Fundament für die spätere Deutsche Einheitskurzschrift (DEK).
Gabelsbergers Erfindung schuf die Voraussetzung für die rasche und präzise Aufzeichnung von Debatten im aufkommenden parlamentarischen System des 19. Jahrhunderts. Nach Jahrzehnten der Rivalität zwischen verschiedenen Stenografiesystemen beendete das Preußische Staatskabinett im Jahr 1924 die Streitigkeiten durch die Einführung der Deutschen Einheitskurzschrift.
Meilensteine der Kurzschrift-Geschichte
- 1818: Franz Xaver Gabelsberger stellt seine neu entwickelte Kurzschrift („Redezeichenkunst“) vor.
- 1826 (vor 200 Jahren): Antritt Gabelsbergers als Sekretär im Statistischen Büro des bayerischen Innenministeriums.
- 1892: Weihung der Gabelsberger-Eiche auf dem Felsberg durch 600 Stenografen.
- 1924: Offizielle Einführung der Deutschen Einheitskurzschrift (DEK).
- 1934/1936: Systemkritik des Reichserziehungsministeriums führt zur 2. DEK-Reform.
- 1968: 3. DEK-Reform (wobei die DDR ein eigenes System weiterführte).
Rechtsstaatlichkeit, Bildung und die Notwendigkeit geschriebener Texte
Dr. Holger Zinke bedankte sich für die treue Verbundenheit der Stenografen mit dem Felsberg. Er erinnerte unter anderem an die historische Rolle der Stenografie für den Rechtsstaat: Dank der detaillierten Kurzschriftprotokolle (über sieben Verhandlungsstunden) in den Prozessen gegen die Revolutionäre von 1848 konnte damals ein Teil der Angeklagten freigesprochen werden.
„Zurzeit erleben wir eine Phase des Umbruchs, in der immer weniger Menschen in der Lage sind, präzise und strukturierte Texte zu verfassen. Die Kurzschrift muss wieder verstärkt genutzt und erlernt werden – denn vor Gericht oder beim Notar zählt letztlich das geschriebene Wort.“
Das Beherrschen der Kurzschrift verlangt Bildung und fördert gleichzeitig das Sprachverständnis. Dies bringt auch die Inschrift des Gedenksteins auf den Punkt: „Die Stenografie soll Gemeingut aller Gebildeten werden.“ Mit einem gemeinsamen Anstoßen auf das Wohl der Kurzschrift und einem geselligen Abendessen klang die gelungene Veranstaltung aus.
Pressekontakt: Hessischer Stenografen-Verband e. V. | Bezirk Südhessen
Ansprechpartner: Michael Raub (Bezirksvorsitzender) | Web: www.stenografen-hessen.de